Selbstständig als Friseur – die perfekte Vorbereitung

„Ich schneide keine Haare, ich rette Dein nächstes Date“, heißt es selbstbewusst in der Anzeigenkampagne der Handwerkskammer. Wer heute Salonleiter oder selbstständiger Friseur werden will, muss mit der Herausforderung leben, gleichzeitig fachkundiger Stilberater und einfühlsamer Lebensbegleiter für seine Kunden zu sein. Die Kunst ist es, dies während der Vorbereitung auf die Meisterprüfung Friseur von erfahrenen Dozenten zu erlernen. Am Hamburger ELBCAMPUS ist Bildungsmanagerin Andrea Bruhn darauf spezialisiert.

Bienenstock oder Lehrwerkstatt?

9.30 Uhr am Morgen, Hamburg-Harburg, ELBCAMPUS, Raum E.2.03. Es riecht nach Haarspray und Nagellack. Ein warmer Wind weht durch den Raum. Hier rauscht das Wasser, dort surrt ein Fön, leise wird gesprochen, manchmal schon laut gelacht. Elf Frauen und ein Mann zwischen Anfang 20 und Mitte 30 wickeln lange Haarsträhnen auf dicke Lockenwickler, rühren Farben an, stecken Lockentürme auf, lackieren Fingernägel, wischen wieder ab und lackieren erneut. Das emsige Treiben erinnert an einen Bienenstock. Sogar eine Bienenkönigin gibt es. Sie heißt Andrea Bruhn, ist Friseurmeisterin und bereitet seit mehr als 25 Jahren als Bildungsmanagerin an der Friseurakademie angehende Handwerksmeister auf ihre Prüfung und die Zeit danach vor – die Zeit, in der sie selbstständig als Friseur arbeiten.

Die schlanke Frau mit dem blonden Zopf hat das fürsorgliche Wesen der Bienenkönigin – und sogar deren überragende Größe. Andrea Bruhn ist größer als die meisten Teilnehmer des Kurses. Was ein ungeheurer Vorteil in diesem wuseligen Treiben ist. So behält sie den Überblick, weiß, welcher Teilnehmer gerade Unterstützung bei der Nagelmodellage benötigt oder wo die entscheidende Haarklemme fehlt, um die Hochsteckfrisur haltbar zu machen.

Die Friseurakademie in Zahlen

Am ELBCAMPUS bereiten sich durchschnittlich 50 Gesellen pro Jahr auf die Meisterprüfung Friseur vor. Ihnen stehen drei Lehrwerkstätten mit 12, 16 und 24 Arbeitsplätzen zur Verfügung. Hinzu kommt ein Kosmetikraum mit 12 Arbeitsplätzen. Jährlich starten in der Regel zwei Vollzeitkurse, die jeweils sechs Monate dauern, und zwei berufsbegleitende Kurse, die über anderthalb Jahre gehen. Gelernt wird in allen Kursen das gleiche: Betriebswirtschaft und Fachrecht, Arbeits- und Berufspädagogik und natürlich jede Menge Fachspezifisches – von Haarschneidetechniken über festliches Styling bis zu Haarersatz.

Einen großen Teil der Vorbereitung auf die Meisterprüfung Friseur nimmt der Bereich Salonmanagement ein. Dazu gehören etwa die Bereiche Arbeitsschutz, Kalkulation und Planung sowie Marketing, Qualitätssicherung und Personalführung. Wer Friseurmeister wird, sollte anschließend selbstständig als Friseur arbeiten können. 40 Kursstunden werden allein der EDV gewidmet. „In dieser Zeit erstellen die Kursteilnehmer die schriftliche Dokumentation ihres Meisterstücks“, erläutert Andrea Bruhn. Bei manchen wird daraus ein Buch, so aufwändig und sehenswert gestaltet, dass es einfach Spaß macht, es anzusehen.

 

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Schön stillhalten – die Friseurmeister von morgen trainieren an Kunstköpfen mit Echthaar.

Einmal im Leben ein Meisterstück kreieren

Svenja Retzlaff (33) und Lena Yukhno (34) arbeiten an gegenüberliegenden Spiegeln. Die Puppenköpfe vor ihnen sind geduldige Modelle. Svenja Retzlaff färbt die Haare gerade dunkelbraun. Lena Yukhno dreht große Wickler in blondes, langes Haar. Sie werden Friseurmeister und kreieren ihre Meisterstücke. Einmal im Leben, wie sie beide mit Bedauern feststellen. Deshalb legen sie in dieses Kunstwerk ihr ganzes Können.

Das Meisterstück besteht aus einem Mann und einer Frau, die zu einem bestimmten Thema festlich gestylt werden. „Natürlich liegt der Schwerpunkt auf Frisur, Make-up und Nägeln der Frau“, erläutert Andrea Bruhn. Doch müsse auch das männliche Modell detailliert vorbereitet werden. Svenja Retzlaff wird ihre Modelle im Stile der Sixties kleiden und frisieren. Inspirationen dafür hat sie sich beim damaligen It-Girl „Twiggy“ und der Kultserie „Raumschiff Orion“ geholt. Lena Yukhno hingegen hat mit „Derby“ ein Gesellschaftsthema gewählt: „Meine Dame trägt Hut“, erzählt sie fröhlich. Der allerdings wird nur die Zierde einer aufwändigen Hochsteckfrisur sein.

Beide Frauen hatten vor Kursbeginn noch keine Vorstellung, wie ihre Modelle zur Prüfung aussehen würden. Inspirationen haben sie im Kurs bekommen. So gehe es den meisten, weiß Andrea Bruhn aus Erfahrung. Sie empfiehlt den Teilnehmern, sich die kreativen Haarkunstwerke anzusehen, die während der Meisterschaften des weltgrößten Friseur- und Schönheitsverbandes Organisation Mondiale Coiffure (OMC) zu sehen sind. Dort holt sich Andrea Bruhn auch selbst Anregungen. Denn als Bildungsmanagerin entwirft sie neue Kursinhalte, etwa praxisorientierte Kurzseminare für Gesellen und Frisör-Meister.

Gala der Meisterstücke auf dem roten Teppich

Und dann ist der große Tag gekommen. Einmal im Jahr führen die Meisterkurs-Absolventen ihre Meisterstücke vor. Gedacht als Präsentation für die Prüfungskommission der Handwerkskammer, ist diese Veranstaltung im Foyer des ELBCAMPUS inzwischen zu einer Art Gala geworden. Roter Teppich und stolze Bildungsmanagerin inklusive.

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schreibt und bloggt schon ihr halbes Leben lang über Menschen, denn jeder hat eine tolle Geschichte zu erzählen. Und über Themen, die diese Menschen beschäftigen, bewegen, weiterbringen. Journalistin und Redakteurin.

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